Neuer Chor Stuttgart – Künstler für den Frieden Stuttgat e.V. – Mitglied im Baden-Württembergischen Sängerbund e.V.

»…in der Stunde X«

Komposition von Martin Tiemann
nach Texten von Günter Eich
für Orgel, Percussion, Chor und Stimme

Aufführung am 9. November 2008, 21 Uhr
in der Evangelischen Stadtpfarrkirche Stuttgart-Gaisburg
zur Erinnerung an die Reichspogromnacht
am 9. November 1938

Die Uraufführung dieser Komposition hat am 23. Februar 2003 ebenfalls in der Evangelische Stadtpfarrkirche Stuttgart-Gaisburg stattgefunden.

Einladung zur Teilnahme an den Proben zum Programm »… in der Stunde X«

Der Neue Chor Stuttgart lädt alle, die Lust zum Singen haben, herzlich ein, an dem Projekt mitzuwirken. Jetzt ist die richtige Zeit zum Einsteigen! Wir sind ein Laienchor und verlangen kein Vorsingen. Allerdings ist die Komposition nicht leicht zu singen. Wir geben allen Interessierten die Gelegenheit auszuprobieren, ob sie mitsingen möchten und können. Voraussetzung fürs Mitmachen ist die regelmäßige Teilnahme an den Proben dienstags von 19.30 bis 22 Uhr.
Siehe Termine

Die Komposition
Hintergrund zu den Texten von Günter Eich

Die Texte

1951 – mehr als ein halbes Jahrhundert ist es her, dass Günter Eichs Hörspiel »Träume« im damaligen Nordwestdeutschen Rundfunk (NWDR) uraufgeführt wurde. Der Weltkrieg war gerade erst vorbei, mit Testexplosionen von Atom- und Wasserstoffbomben bereitete die Welt sich auf noch Schlimmeres vor, doch in Deutschland flüchteten sich die Menschen aus dem Politischen in das, was man später das Wirtschaftswunder nannte.

In fünf Albträumen, verbunden durch lyrische Texte, zieht Eich den Hörern den dünnen Boden scheinbarer Sicherheit unter den Füßen weg. Dass sein Hörspiel heute, fünfzig Jahre später, nicht weniger verstörend ist als damals, haben wir im Neuen Chor Stuttgart selbst erlebt: Eine Gruppe aus dem Chor hörte sich das einstündige Hörspiel gemeinsam an. Als es zu Ende war, trat minutenlanges Schweigen ein.

Die Komposition »…in der Stunde X«

Die verbindenden lyrischen Texte aus Eichs Hörspiel sind Ausdruck der Hoffnung Eichs, die Menschen aufrütteln zu können. »Denke daran, dass der Mensch des Menschen Feind ist, und dass er sinnt auf Vernichtung.« – »Wacht auf, denn Eure Träume sind schlecht.« – »Schlaft nicht, während die Ordner der Welt geschäftig sind.« Sätze wie diese münden in eine endzeitliche Liebeserklärung an die Welt, aus der Martin Tiemann den Titel seiner Komposition bezogen hat: »In der Stunde X werde ich dennoch denken, dass die Erde schön war.«

Tiemann hat für seine abendfüllende Komposition nur die lyrischen Texte aus dem Hörspiel verwendet, nicht die Träume selbst. Einzelne Passagen wurden aus dramaturgischen Gründen umgestellt oder weggelassen, und es kam als erstes Stück ein weiteres Gedicht von Günter Eich hinzu: »Seminar für Hinterbliebene«.

Die Komposition ist für eine ungewöhnliche Instrumentierung geschrieben. Tiemann schöpft dabei aus reichhaltigen Erfahrungen: Als Organist tritt er selbst häufig mit der Percussionistin Cornelia Monske zusammen auf. Er ist seit fünfzehn Jahren Leiter des Neuen Chors Stuttgart, und er ist als Bassist Mitglied des Ensembles Octavox. Mit der Rezitatorin Annegret Müller hat er den Neuen Chor schon im Jahre 2000 zusammen auf die Bühne gebracht. Zur Uraufführung von »…in der Stunde X« unter Tiemanns Leitung wird Reiner Schulte die Orgel spielen.

Alle Rechte an den Texten von Günter Eich liegen beim Suhrkamp-Verlag. Wir danken dem Verlag für die freundliche Genehmigung, die Texte von Günter Eich für diese Komposition zu verwenden.

Hintergrund:

Das Hörspiel »Träume« – aktuell in der gegenwärtigen »Vorkriegszeit«

In Eichs Hörspiel wird im ersten der Träume die Welt – sechs Jahre nach dem Ende der Judentransporte in die Vernichtungslager – zu einem Viehwaggon, in dem Menschen sich schicksalsergeben ins Ungewisse transportieren lassen. Seit Generationen kennen sie nichts als Dunkelheit, das Rumpeln der Räder auf den Schienen und schimmliges Brot. Die Erinnerungen der Alten an Licht und an Löwenzahn auf den Wiesen werden aggressiv abgelehnt – bis die Katastrophe eintritt.

Eich schildert einen kleinen Ort, über den eine unheimliche Bedrohung hereinbricht. Als die anonyme Macht sich eine Familie zum Opfer sucht, hilft niemand, sondern alle wenden sich von dieser Familie ab und versuchen, dem Bedroher zu schmeicheln. In den weiteren Träumen gibt es Therapien, bei denen Kinder »verbraucht« werden, um Alten noch eine Weile das Weiterleben zu ermöglichen; eine Expedition im Urwald versinkt in totalem Vergessen, bis niemand mehr weiß, wer er ist und wo, und der Untergang unvermeidlich ist; und unheimliche Termiten höhlen nicht nur Gebäude aus, sondern auch Menschen, bis alles nur noch eine dünne Hülle ist, die bei der kleinsten Erschütterung zusammenbricht.

Der Tenor von Eichs Hörspiel ist heute so aktuell wie 1951. Freiheit und Moral zerbrechen bei ihm letztlich nicht an Gewalt von außen, sondern an der – so die Erfahrung der Nazizeit und des Krieges – offenbar bodenlosen Fähigkeit des Menschen, sich zu gewöhnen und sich anzupassen; an seinem offenbar unbegrenzten Willen, die Freiheit neu zu definieren, bis ihm selbst Gefangenschaft zur Freiheit wird, und die Moral zu verbiegen, bis selbst blutige Grausamkeit zu öffentlich akzeptierter Normalität wird.

Zuletzt geändert von  Rainer Klüting, 22.12.2008