Neuer Chor Stuttgart – Künstler für den Frieden Stuttgat e.V. – Mitglied im Baden-Württembergischen Sängerbund e.V.

»…in der Stunde X«

Komposition von Martin Tiemann
nach Texten von Günter Eich
für Orgel, Percussion, Chor und Stimme

Uraufführung: 23. Februar 2003, 20 Uhr,
Evangelische Stadtpfarrkirche Stuttgart-Gaisburg

Die Komposition
Die Ausführenden
Hintergrund zu den Texten von Günter Eich
Vorlagen für eine selbstgemachte CD-Hülle

1951 – mehr als ein halbes Jahrhundert ist es her, dass Günter Eichs Hörspiel »Träume« im damaligen Nordwestdeutschen Rundfunk (NWDR) uraufgeführt wurde. Der Weltkrieg war gerade erst vorbei, mit Testexplosionen von Atom- und Wasserstoffbomben bereitete die Welt sich auf noch Schlimmeres vor, doch in Deutschland flüchteten sich die Menschen aus dem Politischen in das, was man später das Wirtschaftswunder nannte.

In fünf Albträumen, verbunden durch lyrische Texte, zieht Eich den Hörern den dünnen Boden scheinbarer Sicherheit unter den Füßen weg. Dass sein Hörspiel heute, fünfzig Jahre später, nicht weniger verstörend ist als damals, haben wir im Neuen Chor Stuttgart selbst erlebt: Eine Gruppe aus dem Chor hörte sich das einstündige Hörspiel gemeinsam an. Als es zu Ende war, trat minutenlanges Schweigen ein.

Die Komposition »…in der Stunde X«

Die verbindenden lyrischen Texte aus Eichs Hörspiel sind Ausdruck der Hoffnung Eichs, die Menschen aufrütteln zu können. »Denke daran, dass der Mensch des Menschen Feind ist, und dass er sinnt auf Vernichtung.« – »Wacht auf, denn Eure Träume sind schlecht.« – »Schlaft nicht, während die Ordner der Welt geschäftig sind.« Sätze wie diese münden in eine endzeitliche Liebeserklärung an die Welt, aus der Martin Tiemann den Titel seiner Komposition bezogen hat: »In der Stunde X werde ich dennoch denken, dass die Erde schön war.«

Tiemann hat für seine abendfüllende Komposition nur die lyrischen Texte aus dem Hörspiel verwendet, nicht die Träume selbst. Einzelne Passagen wurden aus dramaturgischen Gründen umgestellt oder weggelassen, und es kam als erstes Stück ein weiteres Gedicht von Günter Eich hinzu: »Seminar für Hinterbliebene«.

Die Komposition ist für eine ungewöhnliche Instrumentierung geschrieben. Tiemann schöpft dabei aus reichhaltigen Erfahrungen: Als Organist tritt er selbst häufig mit der Percussionistin Cornelia Monske zusammen auf. Er ist seit fünfzehn Jahren Leiter des Neuen Chors Stuttgart, und er ist als Bassist Mitglied des Ensembles Octavox. Mit der Rezitatorin Annegret Müller hat er den Neuen Chor schon im Jahre 2000 zusammen auf die Bühne gebracht. Zur Uraufführung von »…in der Stunde X« unter Tiemanns Leitung wird Reiner Schulte die Orgel spielen.

Alle Rechte an den Texten von Günter Eich liegen beim Suhrkamp-Verlag. Wir danken dem Verlag für die freundliche Genehmigung, die Texte von Günter Eich für diese Komposition zu verwenden.

Die Ausführenden:

Martin Tiemann

Martin Tiemann, geboren 1950, ist Organist und war lange Zeit Kantor der evangelischen Kirchengemeinde in Stuttgart-Botnang. Außerhalb der Gemeinde ist er bekannt als Initiator einer ambitionierten und musikalisch vielseitigen Konzertreihe, der Solitude-Soiree, die in den Sommermonaten jeweils sonntags um 17 Uhr in der Kapelle von Schloss Solitude stattfindet. Tiemann bestreitet in dieser Konzertreihe auch regelmäßig selbst Konzerte als Organist, Cembalist oder Sänger.

Cornelia Monske

Cornelia Monske studierte in Würzburg, Stuttgart, Rotterdam und als Stipendiatin des DAAD und des Deutschen Musikrats in Tokio. Sie ist Preisträgerin mehrerer internationaler Wettbewerbe und trat durch zahlreiche Rundfunk- und Fernsehproduktionen hervor. Namhafte Komponistinnen und Komponisten wie V. Dinescu, Th. Medek und S. Erding vertrauten ihr ihre Stücke zur Uraufführung an.

Annegret Müller

Annegret Müller wurde an der Musikhochschule Stuttgart zur Sprecherin ausgebildet. Ihre künstlerischen Schwerpunkte legt sie auf literarisch-musikalische Lesungen, freie Stimmimprovisationen und die Realisierung zeitgenössischer Kompositionen für Sprechstimme. Mit ihren »Sprechkonzerten« rezitierte Annegret Müller unter anderem bei den Ludwigsburger Schlossfestspielen, an der Staatsoper Stuttgart und im Süddeutschen Rundfunk. Neben ihrer künstlerischen Tätigkeit ist sie Dozentin für Rezitation und Rhetorik an der Pädagogischen Hochschule Karlsruhe.

Reiner Schulte

Reiner Schulte studierte Germanistik, Schul- und Kirchenmusik in Detmold und Stuttgart. Er erhielt den Förderpreis der Rotary-Bad-Homburg-Schloss-Stiftung.1999-2002 war er Organist und Dekanatskirchenmusiker an der Liebfrauenkirche Bad Canstatt. Seit 2002 ist er als Kirchenmusiker in Backnang tätig.

Das Ensemble Octavox

Die acht Gesangssolistinnen und -solisten von Octavox sind bei der Uraufführung nur zu siebt aufgetreten, da einer ihrer beiden Bassisten, Martin Tiemann, am Dirigentenpult stand. Das seit 1992 bestehende Doppelquartett sucht seinen künstlerischen Schwerpunkt in selten zu hörender a-capella-Musik von der Renaissance bis zur Gegenwart, verachtet aber auch nicht Arrangements aus dem Jazz-, Pop- und Schlagerbereich.

Hintergrund:

Das Hörspiel »Träume« – aktuell in der gegenwärtigen »Vorkriegszeit«

In Eichs Hörspiel wird im ersten der Träume die Welt – sechs Jahre nach dem Ende der Judentransporte in die Vernichtungslager – zu einem Viehwaggon, in dem Menschen sich schicksalsergeben ins Ungewisse transportieren lassen. Seit Generationen kennen sie nichts als Dunkelheit, das Rumpeln der Räder auf den Schienen und schimmliges Brot. Die Erinnerungen der Alten an Licht und an Löwenzahn auf den Wiesen werden aggressiv abgelehnt – bis die Katastrophe eintritt.

Eich schildert einen kleinen Ort, über den eine unheimliche Bedrohung hereinbricht. Als die anonyme Macht sich eine Familie zum Opfer sucht, hilft niemand, sondern alle wenden sich von dieser Familie ab und versuchen, dem Bedroher zu schmeicheln. In den weiteren Träumen gibt es Therapien, bei denen Kinder »verbraucht« werden, um Alten noch eine Weile das Weiterleben zu ermöglichen; eine Expedition im Urwald versinkt in totalem Vergessen, bis niemand mehr weiß, wer er ist und wo, und der Untergang unvermeidlich ist; und unheimliche Termiten höhlen nicht nur Gebäude aus, sondern auch Menschen, bis alles nur noch eine dünne Hülle ist, die bei der kleinsten Erschütterung zusammenbricht.

Der Tenor von Eichs Hörspiel ist heute so aktuell wie 1951. Freiheit und Moral zerbrechen bei ihm letztlich nicht an Gewalt von außen, sondern an der – so die Erfahrung der Nazizeit und des Krieges – offenbar bodenlosen Fähigkeit des Menschen, sich zu gewöhnen und sich anzupassen; an seinem offenbar unbegrenzten Willen, die Freiheit neu zu definieren, bis ihm selbst Gefangenschaft zur Freiheit wird, und die Moral zu verbiegen, bis selbst blutige Grausamkeit zu öffentlich akzeptierter Normalität wird.

Die CD-Aufnahme

Der Konzertmitschnitt ist zumindest für den Eigenbedarf sehr ordentlich geworden. Viele haben sich die CD besorgt. Harro Welz hat eine CD-Hülle und ein Einlageblatt vorbereitet und für alle zur Verfügung gestellt. Hier sind seine Vorlagen:

1. Eine fertige Hülle – aber mit Trick: Wer die Datei verwenden will, braucht das CD-Brennprogramm Nero Burning ROM. Harro schreibt dazu: »Wer Nero nicht besitzt, kann aus dem Internet von www.ahead.de kostenlos die aktuelle Version Nero 5 (30 Tage funktionsfähig) herunterladen.«

Die Nero-Datei »stunde_x_huelle2.ncd« (2,4 MB)

2. Zwei Fotos der Gaisburger Kirche – für Selberbastler. Vorschaubild anklicken, dann erscheint das Bild in voller Größe.

Gaisburger Kirche Gaisburger Kirche
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3. Ein Einlageblatt im Format MS Word für Windows (28 KB)

Zuletzt geändert von  Rainer Klüting, 16.11.2016